Welche Qualität(en)?

Gibt es eine Ästhetik quartärer Audiovisualität? Überlegungen nach der Lektüre von Christine Beardsells Artikel „Eyes Wide Open: The Quality Question“ (ClickZ, 11. August 2009)

Mit zunehmender Reife einzelner Technologien pflegen sich die Qualitätsansprüche zu wandeln, welche die Mehrheit der Verbraucher oder Nutzer an sie stellt.

Die Geschichte der Automobilisierung gibt dafür ein gutes Beispiel. Wer alt genug ist, um sich ein halbes Jahrhundert zurück zu erinnern, der weiß, dass in dieser Anfangsperiode der Massenautomobilisierung für Kaufentscheidungen Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit entscheidend waren: wie schnell  also ein Auto fuhr – und zwar auch bergauf – und wie sehr man sich darauf verlassen konnte, dass es ansprang – und zwar auch an eisigen Wintermorgenden.

Derweil sind diese beiden Kriterien in den Hintergrund gerückt. Höchstgeschwindigkeiten werden abgeregelt, Basiszuverlässigkeit ist Standard. Statt dessen stehen bekanntlich Verbrauch, Sicherheit und Bequemlichkeit im Vordergrund.

Was bedeutet nun diese Einsicht vom Wandel der Qualitätsansprüche als Konsequenz zunehmender technologischer Reife für den Bereich der audiovisuellen Medien?

Zum einen scheinen wir in der Heimunterhaltung gegenwärtig auf einen solchen technologischen Sättigungs- und Wendepunkt zuzusteuern. Bis vor wenigen Jahren konnten die Bilder und Töne, die wir in den eigenen Wänden zu sehen bekamen, in kaum einer Hinsicht mit denen mithalten, die in öffentlichen Abspielstätten geboten wurden. Daheim bedeutete schwarzweiß statt farbig, klein- statt großformatig, quäkig statt raumklingend usf. Fragen technischer Bild- und Tonqualität standen daher bei Kaufentscheidungen wie auch bei Diskussionen zum Verhältnis von Fernsehen und Film, Kino und Heimunterhaltung im Vordergrund.

Längst jedoch vermag der eine oder andere Hobbyist – dank Blu-ray-DVDs sowie digitalen Bild- und Tonabspielapparaturen – technisch bessere audiovisuelle Erlebnisse zu organisieren  als viele der kleineren, auf analogem Stand verharrenden „Filmkunstkinos“. Damit wird der Zeitpunkt absehbar – ob er nun in zwei, fünf oder zehn Jahren erreicht wird –, zu dem für einen Großteil der Nutzer die reine technische Leistungsfähigkeit zugunsten anderer Kriterien zurücktreten wird.

(Ein Indiz dafür, dass dieser Zeitpunkt doch eher zehn als fünf Jahre entfernt sein dürfte, ist die sich beschleunigende Durchsetzung von 3D-Unterhaltung. Über sie, konkret: über meine ersten Kinoerfahrungen mit digitalem 3D schreibe ich hier.)

Welche Qualitätskriterien aber werden wohl in Zukunft, wenn optimale digitale Bild- und Tonqualität in der Heimunterhaltung zum Standard geworden sind, die Nutzung von Audiovisionen dominieren?

Einige Hinweise gibt ein interessanter Artikel, den Christine Beardsell heute auf ClickZ veröffentlichte: Eyes Wide Open: The Quality Question. Den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet eine scheinbar ganz andere – und auf Marshall McLuhan zurückgehende – Beobachtung:

Neue Medien werden zunächst an den tradierten gemessen (– und dabei meist für schlechter befunden). Das historische Musterbeispiel gibt der Buchdruck: Verglichen mit der handwerklichen Qualität und visuellen Opulenz mittelalterlicher Handschriften wirkte, was die Gutenbergsche Presse in Serie produzierte, eher ästhetisch bescheiden. Die neuen und besonderen Qualitäten des Buchdrucks waren nicht ästhetischer, sondern kommunikativer Natur: Er erlaubte schnelleren und billigeren Vertrieb von Texten in größerer Zahl (und damit aktuellere und weitere Distribution von Information und Unterhaltung). Bis die Zeitgenossen und insbesondere die gebildeten Eliten zur Einsicht in diese kategorialen Vorteile fanden, vergingen jedoch viele Jahrzehnte.

Mit Blick auf die aktuellen Widerstände gegen die „schlechte Qualität“ von Online-Videos fragt Christine Beardsell daher: „At what point do people decide to forgive old expectations of one medium and open up to the wonderful qualities that a new medium has to offer?“ Und fordert: „… as with the implementation of the printing press, we need to start redefining what quality means and look at what the Internet has done for motion media.“

Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen – dass Online-Audiovisionen per se von schlechterer technischer Qualität sind – ist zwar ein wenig kurzsichtig. Nicht anders als einst das Fernsehen im Vergleich zum Kino unter lausiger Bild- und Tonqualität litt, kann gegenwärtig das Online-Angebot in dieser Hinsicht mit den älteren audiovisuellen Medien nicht mithalten. Doch die Differenz ist nicht kategorial, sie ist akzidentiell und wird absehbar in einigen Jahren eingeschliffen sein.

Bei ihren weiteren Überlegungen aber, warum wohl sich die audiovisuellen Online-Angebote trotz ihrer heute zweifellos schlechteren technischen Qualität so rapide durchsetzen, kommt Christine Beardsell dann zu zwei interessanten Einsichten.

Erstens kann das, was gemessen an den Standards älterer AV-Medien „schlechte technische Bild- und Tonqualität“ ist, eine spezifische ästhetische wie kommunikative Wirkung haben: „Similarly to what video did for film, a handheld flip camera or phone now adds a new dimension to the relationship between the video product and the person. It adds a feeling of intimacy, real-time discovery, and inclusion – qualities that help break down the walls between images and the viewer.“

Zweitens entsprechen dieser nicht (nur) schlechteren, sondern (auch) anderen Bild- und Tongestaltung neue Erzählweisen: „Somewhere in between the creation of reality television and the first online video blog, storytelling forever broke through the fourth wall: fiction and non-fiction interweave, real-time communication tools allow for constant connection and influence within a story, and co-development, mashups, and game play lead to endless interpretations and re-inventions of a story.“

Damit ist eine entscheidende Qualität quartärer Audiovisualität benannt: dass sie nicht nur die Eigenschaften älterer analoger audiovisueller Medien – Schwarzweißfilm, Farbfilm, Fernsehen / Video – simulieren und simulierend übertreffen kann, sondern auch neue eigene entwickelt. Diese neuen Eigenschaften wiederum korrelieren wesentlich der Besonderheit quartärer Medialität, Macher wie Nutzer zur arbiträren Interaktion mit dem medialen Material beziehungsweise den medialen Angeboten zu befähigen.

Ein Anliegen der industriellen Menschheit sei es, meinte Walter Benjamin, räumliche und menschliche Nähe zu den Dingen zu gewinnen. Quartäre Audiovisualität eskaliert, was medial – technisch wie ästhetisch – an solcher Nähe zwischen Machern, Audiovisionen und Nutzern möglich ist.

Auf die Frage, welche Kriterien wohl in einer Zukunft, da optimale technische Qualität in der Heimunterhaltung Standard sein wird, die Nutzung von Audiovisionen dominieren dürften, geben Christine Beardsells Überlegungen somit eine doppelte Antwort: das Potenzial zur audiovisuellen Immersion und narrativen Partizipation.

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