Mediengeschichte neu denken

Die Digitalisierung als „Nullstelle einer neuen Mediengeschichte“. Gedanken zu einem Interview, das Daniela Kloock mit dem Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser führte.

Thomas Elsaesser ist der Doyen der europäischen Filmwissenschaft. Mitte Juni hielt er in Köln im Rahmen der Digitalen Lektionen einen Vortrag zur Geschichte des 3D-Kinos. Bei dieser Gelegenheit interviewte ihn die Medienwissenschaftlerin Daniela Kloock. Das interessante Gespräch lässt sich nun im aktuellen Film-Dienst unter dem Titel Zurück in die Zukunft nachlesen.

Thomas Elsaesser

Photo: Anne Helmond / Flickr

Der obige Link zum Artikel funktioniert freilich nur für Abonnenten. (Nachtrag: Am 30. Juli erschien ein stark gekürzter Nachdruck in der Berliner Zeitung unter dem Titel 3D-Kino gab’s schon vor hundert Jahren.) Hier einige der Kernthesen – auf dass sie der einen oder dem anderen Lust auf das ganze Interview machen mögen:

Den Prozess der Digitalisierung begreift Thomas Elsaesser als eine Aufforderung, die Geschichte der Medien neu zu denken und zwar sowohl im Hinblick auf die Beziehung der einzelnen Medien zueinander wie auch im Hinblick auf ihre Beziehung zur Realität.

Die Notwendigkeit einer solchen Revision ergibt sich für Elsaesser aus der – deutlich an Walter Benjamin – orientierten Auffassung von den audiovisuellen Medien als „Anpassungsmechanismen“: „Die Aufgabe der Medien und die Aufgabe von Hollywood ist (es), das lust- und reizvoll zu besetzen, was notwendig ist im Sinne einer Anthropologie, die das Selbstbild und Selbstverständnis des Menschen für das 21. Jahrhundert neu definiert.“ Und: „So wie man eine Festplatte neu formatiert, so wird – metaphorisch gesprochen – der Mensch jetzt neu formatiert.“

Insofern versteht Elsaesser die mediale Digitalisierung als „Nullstelle einer neuen Mediengeschichte“. Wer sie nun aus der Sicht der digitalen Gegenwart neu und umschreiben will, dürfe trotz aller technischen Veränderungen nicht die historische Kontinuität der ästhetischen Interessen und der Anstrengungen zu ihrer Realisierung aus den Augen verlieren: „Man stößt in der Vergangenheit ständig auf heutige Vorstellungen, findet Parallelen zum Heute und merkt, wie viel von dem, was wir jetzt erleben, schon einmal da gewesen ist, angedacht wurde oder in einer anderen Form als Fantasie oder Albtraum präsent war.“

Genau das natürlich – der Versuch, die ästhetischen Experimente und medialen Praktiken der Gegenwart wesentlich auch als Fortsetzung und Modifikation älterer Anstrengungen zu verstehen – steht im Zentrum meines Projekts „Audiovisualität in der Neuzeit“.

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