Augmentierte Realitäten

Auszug aus: Kommunikette 2.0 (2002)

Um die Wende zum 21. Jahrhundert prophezeite Suns Cheftechnologe Greg Papadopoulos weitere Wellen von Computerisierung und Vernetzung: Auf die Periode eines „Internet der Computer“, die gerade zu Ende gehe, folge ein „Internet der Dinge, in denen Computer stecken“. Die sich abzeichnende Metamorphose des Funktelefons in einen universellen Kommunikator gibt ein Beispiel dafür. In einer dritten Phase aber wird, meint Papadopoulos, ein „Internet der Dinge“ entstehen. Dann werde jedes Haus Tausende von IP-Adressen besitzen und die „Wandfarben, Türklinken und Glühbirnen“ untereinander „als Gemeinschaft sich selbst organisierender Objekte“ kommunizieren, um auf wandelnde Umweltbedingungen und die jeweiligen Bedürfnisse ihrer über tragbare Computer ständig vernetzten Benutzer zu reagieren.

Verschmelzung von Real- & Datenraum

Diese nächste Stufe, wenn sie denn eintritt, brächte mehr als nur eine weitere Steigerung von Effizienz in Arbeit und Kommunikation. Sie dürfte einen kulturgeschichtlichen Meilenstein darstellen, einen Entwicklungssprung zur Integration des Homo sapiens ins neue digitale Medium: die Schaffung von augmented reality, die Verbesserung der Wirklichkeit also durch eingebettete Informationsstrukturen.

Eine solche digitale Augmentierung der materiellen Realität erforschen in der Tat gegenwärtig zahlreiche wissenschaftliche Experimente, etwa die Endeavour Expedition der University of Berkeley oder das Oxygen-Projekt des MIT Media Lab. Beider Ziel ist es, die existierenden analogen Zeichensysteme durch interaktiv-digitale zu ersetzen. Ähnlich avantgardistische Verschmelzung von medialer und materieller Wirklichkeit inszenieren seit Jahren Werke der Hightech-Kunst. Mit telematischen Installationen und immersiven Umwelten versuchen sie, Daten- und Realraum zu integrieren und Wahrnehmungsbrücken zwischen realer und virtueller Welt zu schlagen.

Wenn die besten Künstler, wie Marshall McLuhan meinte, technische Innovationen und kulturellen Wandel einige Zeit, bevor sie zur sozialen Tatsache werden, in ihren Werken und mit ästhetischen Mitteln antizipieren, dann sollte die Realisierung der digitalen Aufrüstung urbaner Räume in der näheren Zukunft gelingen – mit beträchtlichen Folgen für den Alltag.

In den neunziger Jahren revolutionierte die Etablierung von Echtzeitinformationssystemen den globalen Finanzverkehr sowie in den meisten Branchen die Vorratshaltung, Produktion und Distribution. Die Beobachtung von Daten- und Warenströmen wurde exakter, die Planung um einige Klassen genauer, die Umschlagsgeschwindigkeiten beschleunigten sich dramatisch. Eine vergleichbare interaktive Echtzeitkontrolle der alltäglichen Realität sollte unser Leben und Arbeiten allemal so radikal betreffen. Denn zu einer der ökonomisch und sozial wichtigsten Nutzungsformen allgegenwärtiger Breitbandvernetzung dürften location based services (LBS) werden: interaktive ortsabhängige Echtzeitinformations¬systeme, die nach dem Vorbild des WWW auch in der physischen Realität sofortigen Zugriff auf gewünschte Informationen und zugleich die Möglichkeit zur Ausfilterung unerwünschter Daten bieten.

Von der analogen zur Echtzeit-Stadt

Bislang ist die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Informationsangebote denkbar gering. Analoge Straßenschilder, Hausnummern, Klingelbretter, Wegweiser, Anzeigetafeln, Reklameplakate, Speisekarten usf. ähneln in ihrer Statik, Oberflächlichkeit und häufigen Überholtheit den analogen Buchhaltungs- und Lagerhaltungssystemen, deren Ersetzung im Geschäftsleben während der neunziger Jahren begann. In der Öffentlichkeit jedoch lässt sich aktuellere und genauere Auskunft immer noch nur zeitaufwendig durch mündliche oder fernmündliche Erkundung bei Pförtnern, Sekretärinnen, Taxifahrern, Ladeninhabern, Passanten erlangen. Die Umstellung von analoger auf digitale Schriftlichkeit auch in der Beschriftung des Stadtbildes steht daher an.

In deutlicher Parallele zu den Echtzeitinformationssystemen, die in multinationalen Unternehmen etwa jeden Verkauf und damit Warenabgang und Geldeingang in der Sekunde verbuchen, da er weltweit getätigt wird, könnte eine solche Verschmelzung von Real- und Datenraum die industriellen Großstädte des 20. Jahrhunderts in digitale Echtzeit-Metropolen verwandeln, wie sie den technologischen Möglichkeiten, ökonomischen Anforderungen sowie privaten Versorgungs- und Unterhaltungsbedürfnissen des 21. Jahrhunderts entsprechen.

In diesen Echtzeit-Städten wären alle orts- und zeitabhängigen Informationen, von denen das Verhalten einzelner abhängt, jederzeit nach Bedarf abrufbar – von der Verkehrslage bis zu aktuellen Wartezeiten in Arztpraxen oder den wenigen Behörden, die man noch persönlich besuchen muss; von der Zahl freier Parkplätze in einem nahen Parkhaus bis zur Zahl der freien Betten in den umliegenden Hotels; vom Preisvergleich einzelner Waren in den Läden der Umgebung bis zu den Tagesgerichten der Restaurants; von personalisierter Werbung, die sich an den im Kommunikator angegebenen Interessen orientiert, bis zu hilfreichen Anmerkungen, die einzelne Kunden, die mit einem Service besonders oder gar nicht zufrieden waren, an virtuellen Anschlagtafeln hinterlassen haben. „Keine massive neue materielle Infrastruktur wird entstehen“, beschreibt Stadtforscher Anthony Townsend die Konsequenzen der digitalen Vernetzung. „Vielmehr wird es zur Intensivierung der urbanen Aktivitäten kommen – zur Beschleunigung des urbanen Metabolismus.“

Dem Zuwachs an Geschwindigkeit wird zudem zwangsläufig ein Zuwachs an Personalisierung korrelieren. Gegenwärtig erhält man im öffentlichen Raum vor allem Informationen, die man gar nicht oder gerade nicht braucht: Wegweisungen zu Orten, an die man nicht will, Neonreklamen zu Produkten, die einen nicht interessieren, Plakate mit langen Listen von Sonderangeboten, auf denen mit ziemlicher Sicherheit die Waren fehlen, die man sucht usf. Die Unzulänglichkeit analoger Informationssysteme liegt in ihrer Standardisierung – dass sie jedem das gleiche Bild bietet. Der grelle Überfluss an Informationen im öffentlichen Raum, die blinkend und blendend um Aufmerksamkeit werben, kaschiert den Ausfall wirklich benötigter Angaben.

Dieser Mangel zwingt ständig zur zwischenmenschlichen Kommunikation, zu Anrufen bei Auskunftsdiensten und Freunden, Nachfragen bei Passanten und Gewerbetreibenden. So werden allein in den USA jährlich um die 850 Millionen Anrufe von Funktelefonen an die Gelbe-Seiten-Auskunft gerichtet. Die digitale Augmentierung der Realität kann diese umständliche Informationsbeschaffung beschleunigen und verbessern. Denn es ist nun mal effektiver, Preislisten, Restaurantmenus, geografische Orientierungshilfen, die Angaben zur Verkehrssituation oder Sicherheitslage auf dem persönlichen Kommunikator oder der Datenbrille des wearables sofort einsehen zu können, statt sie eigens mit zeitraubenden Telefonanrufen erkunden und dabei im Zweifelsfall noch mitschreiben zu müssen.

Personalisierung öffentlicher Kommunikation

Der dritte langfristige Trend digitaler Kommunikation dürfte also zur weitgehenden Ersetzung zwischenmenschlicher Kommunikation bei der Beschaffung zeitabhängiger und ortsgebundener Informationen führen. Sie werden sich in Echtzeit und interaktiv von Informationsmaschinen abrufen lassen, die in die materielle Realität eingebettet sind. Die Konsequenzen dieser Beschleunigung der Informationsbeschaffung auf Echtzeit aber gehen über die reine Zeitersparnis weit hinaus. Bewirkt wird damit eine vollständig gewandelte Erfahrung der Alltagswelt: Sozial oder geografisch Fremde verwandeln sich in Instant-Insider. Wir werden uns in Gegenden, die wir selten oder gar zum ersten Mal betreten, so souverän bewegen und Konsumangebote so gezielt selektieren können, wie es unter analogen Bedingungen nur nach langjähriger Erfahrung möglich war.

Die Verschmelzung von Architektur und Stadtplanung mit dem Infodesign virtueller Strukturen und simulierter Räume bedeutet eine drastische Ausweitung individueller Bewegungsfreiheit – und erscheint insofern als Vollendung des historischen Trends, der mit der Popularisierung des Walkman begann und sich mit dem Handy fortsetzte: zur Personalisierung der Informationen, die in und von der Öffentlichkeit noch wahrgenommen werden. Wie man heute Radiosender wechselt oder wie sich Webseiten je nach Betrachter personalisieren, werden sich auch im öffentlichen Zwischenreich von Real- und Datenraum individuelle Leitsysteme etablieren oder visuelle Hinweise und Reklamen nach den Kriterien aktueller Interessen an und aus schalten lassen.

Im Zentrum dieser gesteigerten Kommunikationskontrolle durch die Individuen aber wird natürlich die Filterung synchroner zwischenmenschlicher Kontakte stehen, da sie zugleich die meiste Zeit kosten und am wertvollsten sind.

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Erschienen in: Gundolf S. Freyermuth, Kommunikette 2.0. (Über die kommunikationspraktischen Konsequenzen der Digitalisierung). 136 Seiten. Verlag Heinz Heise. Hannover 2002, S. 125-128.