Das erste Mal D3D

Ist digitale Dreidimensionalität die Zukunft des Films? Oder eher die Zukunft interaktiver Narrationen? Eine erste Erfahrung

Bis vor ein paar Tagen gehörte ich zu einer Mehrheit der Deutschen. „Trotz der postulierten Aufbruchstimmung ist es bisher nur eine schwindende Minderheit“, schrieb Jörg Gerle jüngst im Filmdienst, „die sich jemals in ein digitales Kino verirrt hat, um einen stereoskopischen Film zu sehen.“

Neben der „Trägheit der Masse“, die der Artikel im Titel beklagte, sorgt für diese Abstinenz des Publikums wesentlich das geringe Angebot. Denn die Welle digitaler 3D-Filme erreicht deutsche Kinos meist nur in bescheidenem 2D. Wer freilich glaubt, er habe Monster vs. Aliens oder Ice Age 3 gesehen, wenn er sie auf gewohnte Weise platt erlebte, der täuscht sich gewaltig – wie ich nun aus eigener Anschauung weiß.

Diese Erfahrung zu machen, hinderte mich in Deutschland (und speziell Berlin) seit Monaten der Umstand, dass die wenigen 3D-Kinos nur Synchronisiertes zeigen. Wenn die Filme im Original laufen, dann nur in 2D. Vor diese Qual der Wahl gestellt, blieb ich zu Hause. Warum die versprochene Sehlust gegen den Spaßverlust eintauschen, die ein Sprach- und Stimmenwechsel unweigerlich bedeutet?

Creature from the Black Lagoon

Creature from the Black Lagoon

Zudem bildete ich mir ein, 3D und seine ästhetischen Wirkungen zu kennen. Im Laufe meines Kinogänger-Lebens habe ich mir bestimmt ein Dutzend Mal die mehr oder weniger störenden Brillen aufgesetzt – und war doch jedes Mal nach der anfänglichen Verblüffung schnell enttäuscht. Die Effekte nutzen sich ab, während die Augen ermüden und nicht selten sich Kopfschmerz einstellt.

Zuletzt hatte ich diesen Juni im Rahmen der Digitalen Lektionen Jack Arnolds 55 Jahre alten 3D-Klassiker The Creature from the Black Lagoon gesehen – in einer leidlichen Kopie und mit perfekt eingestellter analoger Technik (von den Profis der Bonner Kinemathek). Die Vorführung erinnere ich als ebenso filmgeschichtlich interessant wie ästhetisch primär albern.

Vor ein paar Tagen aber standen wir nun, die ganze Familie, vor den Pacific Theatres in The Grove, der wohl schönsten Mall von Los Angeles. Und dort war Ice Age 3D annonciert. 52 Dollar für vier Personen inklusive Leihbrillen. Das war zwar nicht gerade günstig, aber die Neugier überwog.

The Grove - Pacific Theatres

The Grove - Pacific Theatres

Unter erzählerischen Gesichtspunkten war es rausgeschmissenes Geld, aber das wussten wir vorher. Das Nachrichtenmagazin Time etwa hatte zum Start des Films getitelt: „Ice Age: Dawn of the Dinosaurs: Frozen Stereotypes“. Die um eine Haselnuss zentrierten Slapstick-Einlagen von Scratte und Scrat amüsierten zwar wie immer. Auch einige Szenen und Dialoge des neuen Piraten-Charakter Buck waren recht witzig. Der große Rest der Filmhandlung aber schmeckte nach Konserve.

Umso mehr verblüfften mich die Bilder. Ihre Plastizität wirkte geradezu berauschend – im Sinne sowohl von Immersion wie auch von Verwirrung der Wahrnehmung.

Ad Immersion: Die Visualität schließt zur Akustik auf. Wie seit über einem Vierteljahrhundert schon die Töne erobern nun auch die Bilder die Tiefen des Raums. Und dies technisch nun so perfekt und störungsfrei, dass ich – im starken Gegensatz zu analogen 3D-Erfahrungen – keinerlei physische Ermüdung der Augen wahrnahm. Stattdessen fühlte ich mich immer wieder vollständig von dem – eigentlich anspruchslosen und auch spannungsarmen – Geschehen gefangen genommen, ja in die 3D-Welt hinein versetzt. Der gesteigerten räumlichen Nähe zu den auf das Publikum zuschießenden, mich umhüllenden Bildern korrelierte eine identifikatorische Nähe.

Ad Verwirrung: Wir Heutigen sind durch die Linearperspektive trainiert – also darauf, vereinfacht gesagt, die Überführung von 3D in 2D, die in der Bildproduktion stattfindet, im Prozess der Rezeption durch Rückübersetzung wieder aufzuheben. Diesem kulturellen Training läuft die CGI-Räumlichkeit entgegen.

Als eine Folge dieser Irritierung der Sehgewohnheiten stellt sich bei Ice Age 3 häufig ein, was ich den Aquarium-Effekt nennen möchte: Das 3D-Bild auf Leinwand eröffnet nicht mehr nur – wie das von Tafelbild, Guckkastenbühne, 2D-Kino und Fernsehschirm – ein Fenster auf die Welt der Fiktion. Es lässt das Gezeigte vielmehr als Lichtkasten erscheinen: Die Helden bewegen sich wie Fische im Aquarium, der Handlungsraum gleicht dioramatischen Exponaten in einem Schaukasten.

Ice Age 3- D-Poster

Poster Ice Age 3D

Grundsätzlich sorgen für diese Wirkung wohl die ungewöhnliche Tiefenschärfe von CGI-3D-Bildern und das hohe Maß ihrer virtuell möglichen Ausleuchtung. Die im traditionellen Film übliche Orientierung des Blicks im Bildraum durch dessen Wechselspiel von Schärfe/Unschärfe beziehungsweise Helligkeit/Dunkelheit fällt daher weitgehend aus. Ice Age 3 arbeitet zudem mit einer Vielzahl von Binnenrahmungen, etwa Perspektiven aus Höhlenausgängen oder dem Schlund von Sauriern. Das verstärkt noch die Neigung traditionell geschulter Augen, gelegentlich aus dem Film zu fallen beziehungsweise seine Welt puppenstubenhaft wahrzunehmen.

Der Anstrengung zur Umgewöhnung auf Seiten des Publikums entspricht deutlich auf Seiten der Filmkünstler die Notwendigkeit, zu einer neuen, einer den 3D-Bildern gemäßen Ästhetik zu finden. In meinem Seminar „Schule des Sehens“ haben wir letztes Semester den langen Weg verfolgt, der von den Anfängen der perspektivischen Malerei – etwa bei Giotto im 13. Jahrhundert – zur ihrer Perfektion führte; etwa bei Caravaggio oder Rembrandt im 17. Jahrhundert.

Die Produzenten heutiger 3D-AV-Werke stehen nicht minder als einst die ersten Perspektivkünstler medientechnisch wie medienästhetisch ganz am Anfang eines vermutlich langwierigen Prozesses der Perfektionierung. Dessen Ziel muss es sein, die Effekte des Dreidimensionalen nicht nur zur optischen Reizung, sondern auch zur emotionalen Narration einzusetzen.

James Cameron, schrieb Andreas Busche vor einigen Monaten in dem Artikel „Renaissance des Sehens“, sei „derweil schon dabei, eine Grammatik für die Produktion realistischer stereoskopischer Bilder zu erarbeiten. Im Anschluss an Avatar wird er sein erstes 3-D-Drama drehen, sozusagen als Umsetzung der filmischen Theorie.”

Poster Avatar

Poster Avatar

Egal jedoch, wie viel wir etwa von Avatar und Camerons Folgewerk erwarten können: Die neue Bildsprache und die neuen Erzählweisen der 3D-Audiovisionen – vom räumlichen Design der Handlungsräume bis zur ästhetisch schlüssigen Gestaltung von Handlungsabläufen in diesen neuen Welten – müssen erst experimentell entdeckt, dann in trial & error erprobt und schließlich von einer nennenswerten Zahl von AV-Künstlern gemeistert werden.

Profitieren kann dabei die „ältere“ Filmkunst wesentlich auch vom „jüngeren“ Spiel: zum einen von interaktiven Darstellungs- und Erzählweisen, wie sie sich im vergangenen Vierteljahrhundert sukzessive heraus gebildet haben; zum anderen von der Unterstützung eines „durch dreidimensionale Videogames sozialisierten Publikums“ (Andreas Busche), das die neue 3D-Bildsprache versteht und genießt.

Führende Hollywoodkünstler – Katzenberg wie Spielberg, Cameron wie Jackson und viele andere mehr – sehen in der Wende zum digitalen 3D-Kino die nach der Einführung von Ton und Farbe nun dritte große Revolution des Films. Das mag stimmen. Endlich scheint das Kino reif für die ästhetischen Effekte, die avancierte Filmkünstler seit den ersten Tagen des stummen Films in immer neuen Anläufen erstrebten; seit eben die Brüder Lumière für die Pariser Weltausstellung von 1903 eine stereoskopische Version ihres Films L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat drehten.

Auf jeden Fall aber nähern sich, indem 3D-Ton und -Bild den Zuschauer ein wenig dichter an den Handlungsraum heran bringen, Kino und Spiel – trotz aller kategorialen Differenzen – ein weiteres Stück weit an.

Am Ende dürfte daher, beflügelt von einer kulturellen Wende zum 3D-Bild, der Austausch in beide Richtungen gehen – so dass nicht nur der Film vom Spiel, sondern umgekehrt auch die interaktiven 3D-Medien vom linearen 3D-Kino etwas für ihre ja ganz anderen, nonlinearen Narrationen lernen können.